Politik im Kurbad

Die Emser Depesche – eine Kurpromenade und das Deutsche Reich

In Kurbädern ist Geschichte geschrieben worden und das nicht nur einmal. Als Orte der Erholung und der Sommerfrische verwandelten sie sich nicht selten in Orte an denen Politik gemacht und letztlich Weltgeschichte entschieden wurde. Eines der wohl bekanntesten Beispiele dafür ist die sogenannte „Emser Depesche“. Über sie ist viel geschrieben und geredet worden, viele kennen sie dem Namen nach, aber nur wenige wissen was es wirklich mit ihr auf sich hat. Und viele verwechseln auch die berühmte Depesche aus dem Kurbad Ems mit einer Pressemitteilung, die dann am Ende Otto von Bismarck (1815-1898), der „eiserne Kanzler“, herausgegeben hat. Zwar drehen beide Texte durchaus um den gleichen Inhalt, aber schaut man beide an, dann merkt man was es ausmacht, wenn man einige Worte verändert und andere einfach weglässt.

Aber schauen wir uns die Geschichte genauer an und auch die beiden Texte von denen nur der eine wirklich die „Emser Depesche“ ist.

Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen, der Ausgangspunkt der Emser Depesche
Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen – seine Kandidatur für den spanischen Thron war Auslöser der Emser Depesche
Foto: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Ein Hohenzoller auf dem spanischen Thron? – die Vorgeschichte der Emser Depesche

Wir schreiben das Jahr 1868: Auf dem spanischen Thron sitzt die Königin Isabella II. (1830-1904), eine Bourbonin. Sprich, sie war der Spross eines französischen Adelsgeschlechts, das in Frankreich immerhin sieben Könige gestellt hatte. Einer davon war Ludwig XVI. (1754-1793), sie erinnern sich vielleicht, das war jener König der während der Französischen Revolution im Jahr 1793 seinen Kopf auf der Guillotine verlor.
Nach eben dieser Revolution und nach dem Ende der Herrschaft Napoleons I. Bonaparte (1769-1821), jenes französischen Kaisers, der dann auf St. Helena endete, da gab es noch einmal zwei französische Könige aus dem alten Geschlecht der Bourbonen: Ludwig XVIII. (1755-1824) und Karl X. (1757-1836).
Dieser Karl X. allerdings war so rückwärtsgewandt, dass ihn in der sogenannten Julirevolution des Jahres 1830 beinahe das gleiche Schicksal ereilte wie seinen Vorgänger Ludwig XVI. Seinen Kopf verlor er zwar nicht, aber er musste abdanken und wurde ins Exil geschickt. Das war es dann mit der Bourbonen-Herrlichkeit in Frankreich.
In Spanien aber sah das anders aus, da regierten sie eben immer noch die Bourbonen und tun dies übrigens bis heute und auch in Luxemburg, das nur mal so am Rande.

Königin Isabella von Spanien
Königin Isabella von Spanien
Foto: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Isabella allerdings war in ihrem Land als Königin nicht gerade sehr beliebt. Es gab immer wieder Aufstände, 1852 wollte ein Priester sie sogar erdolchen. Geändert hat sich dadurch wenig. Erst 1868, als sich viele Kräfte in Spanien verbündeten, darunter vor allem demokratische, da gelang es die ungeliebte Königin tatsächlich anzusetzen. Sie verzichtete auf den Thron zugunsten ihres Sohnes und floh selbst nach Frankreich.
Nun wollte man in Spanien aber auch nicht unbedingt ihren Sohn auf dem Thron sehen und so blieb der erst einmal vakant und man begann sich in Europa nach anderen geeigneten Kandidaten umzusehen. Einer davon war Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen, wenn er auch nicht die erste Wahl war. Doch alle anderen Kandidaten sagten ab, nur er blieb übrig, wenn auch widerwillig. Widerwillig war übrigens auch der preußische König Wilhelm I. Nur Bismarck, der fand den Gedanken gut und setzte sich durch. In Frankreich machte sich Entsetzen breit, denn Leopold auf dem Spanischen Thron, das würde bedeuten, dass man von Hohenzollern umzingelt wäre, denn auch die Preußen waren schließlich Hohenzollern und zwischen Preußen und Frankreich gab es spätestens seit den sogenannten „Befreiungskriegen“ heftige Spannungen.
Etwa am 1. Juli 1870 wurde die Kandidatur offiziell. Die Wahlversammlung wurde auf den 20. festgesetzt. Doch es sollte alles anders kommen …

Antoine Alfred Agénor de Gramont
Antoine Alfred Agénor de Gramont
Bild: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

„Andernfalls gibt es Krieg“ – eine Reise nach Ems und ihre Folgen

Kaiser Louis Napoleon III. (1808-1873) und sein eben erst ernannter Außenminister Antoine Alfred Agénor de Gramont (1819-1880) waren entschieden antipreußisch eingestellt und außerdem war es sowohl in Frankreich als auch in Deutschland keine unübliche politische Praxis innenpolitische Probleme mit einem Krieg sozusagen zu übertünchen und vergessen zu machen. Ja, und innenpolitische Probleme gab es in Frankreich so einige. In Preußen übrigens auch oder eigentlich in Deutschland, denn „Deutschland“ als ein geeintes Land, das gab es zu dem Zeitpunkt nicht. Bismarck dachte daher schon länger über einen Krieg nach, an dessen Ende eine deutsche Einheit stehen sollte.
So hart es klingt: beiden Ländern kam dieser Konflikt über den spanischen Thron und seine Besetzung gar nicht so ungelegen. Das erklärt auch die letztlich eigentlich gar nicht notwendige Eskalation, die nun geschah:
Am 6. Juli 1870 verlas der französische Außenminister Gramont eine Erklärung, die einer unverhohlenen Kriegsdrohung gleichkam, sollte Leopold seine Kandidatur aufrechterhalten.
Am 7. Juli entsandte Gramont den französischen Botschafter am preußischen Hof, Graf Vincent de Benedetti (1817-1900), nach Ems, denn dort weilte der preußische König Wilhelm gerade zur Kur. In seinem Telegramm schrieb er: „Sinon, c’est la guerre.“, sprich: „Andernfalls gibt es Krieg.“
Am 9. Juli gab es eine erste Audienz, auf die einige weitere folgten.
Am 12. Juli verkündete Leopolds Vater Fürst Karl Anton von Hohenzollern-Sigmaringen (1811-1885) den Verzicht Leopolds auf den spanischen Thron.

Wilhelm I and Nikolaus Wilhelm zu Nassau in Bad Ems
so ähnlich sah die Szene aus, die zur Emser Depesche führte
Das Foto zeigt Wilhelm I. und Nikolaus Wilhelm zu Nassau auf der Kurpromenade von Bad Ems – so ähnlich wird sie ausgesehen haben die Szene, die zur Emser Depesche führte
Foto: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Eine Begegnung auf der Kurpromenade von Ems

Eigentlich hätte jetzt alles gut sein können, war es aber nicht, denn beide Seiten waren in Kriegsstimmung und so gingen die gegenseitigen Provokationen weiter:
Es begann damit, dass das französische Nachrichtensystem deutlich besser war als das preußische, jedenfalls wusste man in Frankreich schon vom Rückzug Leopolds während man im beschaulichen Ems noch keine Ahnung hatte.
Auf die Absage der Thronkandidatur hin stellte der französische Außenminister fest, dass ihm die alleine nicht reichte. Er wollte auch noch eine Zusicherung seitens des preußischen Königs, dass er den Verzicht bestätigte und keine weitere Kandidatur zulasse.
Am 13. Juli versuchte also der französische Botschafter de Benedetti mit Wilhelm zu sprechen, der aber war ausgegangen und spazierte auf der Emser Kurpromenade. Dort fand ihn de Benedetti und unterbreitete ihm die französischen Forderungen. Wilhelm fiel, man ahnt es, aus allen Wolken, denn er wusste ja von nichts.
Erst später am Tag erhielt König Wilhelm die Nachricht vom Verzicht auf die Thronkandidatur, die er auch umgehend bestätigte, aber die weitergehende Forderung, quasi nach einem Verzicht für alle Zeiten, die lehnte er ab, ebenso wie eine weitere Audienz.

Vincent Benedetti
Vincent Benedetti
Foto: gemeinfrei, via Wikimedia Commons


De Benedetti telegrafierte daraufhin am 13. Juli um 10:30 Uhr nach Paris:

„Le Roi a terminé notre entretien en me disant qu’il ne pouvait ni ne voulait prendre un pareil engagement, et qu’il devait, pour cette éventualité comme pour toute autre, se réserver la faculté de consulter les circonstances.“[1]
Zu Deutsch:
„Der König hat unsere Unterredung beendet, indem er sagte, dass er eine solche Bindung weder eingehen könne noch wolle und dass er sich für diese Möglichkeit wie für jede andere vorbehalte, sich nach den Umständen zu richten.“[2]

Da war er, der Eklat, den beide Seiten offenbar gesucht hatten und den beide Seiten nun auch noch weiter befeuerten.

Die „Emser Depesche“ – ein Zifferntelegramm eines Geheimen Legationsrates

Mit König Wilhelm gemeinsam war ein enger Vertrauter Bismarcks in Ems: der Theologe und Wirkliche Geheime Legationsrat Heinrich Abeken. Er berichtete Bismarck über die Vorkommnisse in der „wirklichen Emser Depesche“, die schlicht ein Telegramm war.
Darin war zu lesen:

„Seine Majestät der König schreibt mir:
Graf Benedetti fing mich auf der Promenade ab, um auf zuletzt sehr zudringliche Art von mir zu verlangen, ich sollte ihn autorisiren, sofort zu telegraphiren, dass ich für alle Zukunft mich verpflichtete, niemals wieder meine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Candidatur zurückkämen.
Ich wies ihn zuletzt, etwas ernst, zurück, da man à tout jamais dergleichen Engagements nicht nehmen dürfe noch könne.
Natürlich sagte ich ihm, dass ich noch nichts erhalten hätte und da er über Paris und Madrid früher benachrichtigt sei als ich, er wohl einsähe, dass mein Gouvernement wiederum außer Spiel sei.
Seine Majestät hat seitdem ein Schreiben des Fürsten bekommen.
Da Seine Majestät dem Grafen Benedetti gesagt, dass er Nachricht vom Fürsten erwarte, hat Allerhöchstderselbe, mit Rücksicht auf die obige Zumuthung, auf des Grafen Eulenburg und meinen Vortrag, beschlossen, den Grafen Benedetti nicht mehr zu empfangen, sondern ihm nur durch einen Adjutanten sagen zu lassen: dass Seine Majestät jetzt vom Fürsten die Bestätigung der Nachricht erhalten, die Benedetti aus Paris schon gehabt, und dem Botschafter nichts weiter zu sagen habe.
Seine Majestät stellt Eurer Excellenz anheim, ob nicht die neue Forderung Benedettis und ihre Zurückweisung sogleich, sowohl unsern Gesandten, als in der Presse mitgeteilt werden sollte.“

Eine eigentlich recht sachliche Schilderung der Ereignisse des Tages und inhaltlich passend zu dem, was de Benedetti berichtet hatte.

Bismarck erhielt das Telegramm, wie er in seinen Memoiren selbst schrieb, während eines Essens an dem auch Moltke und Roon teilnahmen. Wie bei diesem Essen die Weichen auf Krieg gestellt wurden beschreibt Otto von Bismarck später so:

„Während der Unterhaltung wurde mir gemeldet, daß ein Ziffertelegramm, wenn ich mich recht erinnere von ungefähr 200 Gruppen, aus Ems, von dem Geheim-Rath Abeken unterzeichnet, in der Uebersetzung begriffen sei. Nachdem mir die Entzifferung überbracht war, welche ergab, daß Abeken das Telegramm auf Befehl Sr. Majestät redigirt und unterzeichnet hatte, las ich dasselbe meinen Gästen vor, deren Niedergeschlagenheit so tief wurde, daß sie Speise und Trank verschmähten. Bei wiederholter Prüfung des Actenstücks verweilte ich bei der einen Auftrag involvirenden Ermächtigung Seiner Majestät, den lnhalt ganz oder theilweise zu veröffentlichen. Ich stellte an Moltke einige Fragen in Bezug auf das Maß seines Vertrauens auf den Stand unsrer Rüstungen, respective auf die Zeit, deren dieselben bei der überraschend aufgetauchten Kriegsgefahr noch bedürfen würden. Er antwortete, daß er, wenn Krieg werden sollte, von einem Aufschub des Ausbruchs keinen Vortheil für uns erwarte; selbst wenn wir zunächst nicht stark genug sein sollten, sofort alle linksrheinischen Landestheile gegen französische Invasion zu decken, so würde unsre Kriegsbereitschaft die französische sehr bald überholen, während in einer späteren Periode dieser Vortheil sich abschwächen würde; er halte den schnellen Ausbruch im Ganzen für uns vortheilhafter als eine Verschleppung.“

Otto von Bismarck 1873 - der Empfänger der Emser Depesche
Otto von Bismarck 1873 – er erhielt die Emser Depesche und verkürzte sie zu einer provokanten Pressemeldung
Bild: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Ein Krieg, um Deutschland zu einen

Die Überlegungen, die Bismarck zu seinem weiteren Handeln veranlassten sind viel und teils auch kontrovers diskutiert worden.
Lassen wir ihn an dieser Stelle selber sprechen, um zu verstehen warum er einen Krieg anstrebte, der zu diesem Zeitpunkt durchaus noch gut vermeidbar gewesen wäre:

„Der Haltung Frankreichs gegenüber zwang uns nach meiner Ansicht das nationale Ehrgefühl zum Kriege, und wenn wir den Forderungen dieses Gefühls nicht gerecht wurden, so verloren wir auf dem Wege zur Vollendung unsrer nationalen Entwicklung den ganzen 1866 gewonnenen Vorsprung, und das 1866 durch unsre militärischen Erfolge gesteigerte deutsche Nationalgefühl südlich des Mains, wie sie [es] sich in der Bereithwilligkeit der Südstaaten zu den Bündnissen ausgesprochen hatte, würde wieder erkalten. Das in den süddeutschen Staaten neben dem particularistischen und dynastischen Staatsgefühle lebendige Deutschthum hatte bis 1866 das politische [Gefühl] gewissermaßen mit der gesammtdeutschen Fiction unter Oesterreichs Leitung beschwichtigt, theils aus süddeutscher Vorliebe für den alten Kaiserstaat, theils in dem Glauben an die militärische Ueberlegenheit desselben über Preußen. Nachdem die Ereignisse den Irrthum der Schätzung festgestellt hatten, war gerade die Hülflosigkeit der süddeutschen Staaten, in der Oesterreich sie beim Friedensschlusse gelassen hatte, ein Motiv für das politische Damascus, welches zwischen Varnbülers »Vae Victis« zu dem bereitwilligen Abschlusse des Schutz- und Trutzbündnisses mit Preußen lag. Es war das Vertrauen auf die durch Preußen entwickelte germanische Kraft und die Anziehung, welche einer entschlossenen und tapfern Politik innewohnt, wenn sie Erfolg hat und dann sich in vernünftigen und ehrlichen Grenzen bewegt. Diesen Nimbus hatte Preußen gewonnen; er ging unwiderruflich oder doch auf lange Zeit verloren, wenn in nationaler Ehrenfrage die Meinung im Volke Platz griff, daß die französische Insulte »La Prusse cane« einen thatsächlichen Hintergrund habe.
In derselben psychologischen Auffassung, in welcher ich 1864 im dänischen Kriege aus politischen Gründen gewünscht hatte, daß nicht den altpreußischen, sondern den westfälischen Bataillonen, die bis dahin keine Gelegenheit gehabt hatten, unter preußischer Führung ihre Tapferkeit zu bewähren, der Vortritt gelassen werde, und bedauerte, daß der Prinz Friedrich Karl meinem Wunsche entgegen gehandelt hatte, in derselben Auffassung war ich überzeugt, daß die Kluft, welche die Verschiedenheit des dynastischen und Stammesgefühls und der Lebensgewohnheiten zwischen dem Süden und dem Norden des Vaterlandes im Laufe der Geschichte geschaffen hatten, nicht wirksamer überbrückt werden könne als durch einen gemeinsamen nationalen Krieg gegen den seit Jahrhunderten aggressiven Nachbar. Ich erinnerte mich, daß schon in dem kurzen Zeitraum von 1813 bis 1815, von Leipzig und Hanau bis Belle Alliance, der gemeinsame und siegreiche Kampf gegen Frankreich die Beseitigung des Gegensatzes ermöglicht hatte zwischen einer hingebenden Rheinbundspolitik und dem nationaldeutschen Aufschwung der Zeit von dem Wiener Congresse bis zu der Mainzer Untersuchungscommission, unter der Signatur Stein, Görres, Jahn, Wartburg bis zu dem Exceß von Sand. Das gemeinsam vergossene Blut von dem Uebergange der Sachsen bei Leipzig bis zu der Betheiligung unter englischem Commando bei Belle Alliance hatte ein Bewußtsein gekittet, vor welchem die Rheinbundserinnerungen erloschen. Die Entwicklung der Geschichte in dieser Richtung wurde unterbrochen durch die Besorgniß, welche die Uebereilung des nationalen Dranges für den Bestand staatlicher Einrichtungen erweckte.
Dieser Rückblick bestärkte mich in meiner Ueberzeugung, und die politischen Erwägungen in Betreff der süddeutschen Staaten fanden mutatis mutandis auch auf unsre Beziehungen zu der Bevölkerung von Hannover, Hessen, Schleswig-Holstein Anwendung. Daß diese Auffassung richtig war, beweist die Genugthuung, mit der heut, nach zwanzig Jahren, nicht nur die Holsteiner, sondern auch die Hanseaten der 1870er Heldenthaten ihrer Söhne gedenken. Alle diese Erwägungen, bewußt und unbewußt, verstärkten in mir die Empfindung, daß der Krieg nur auf Kosten unsrer preußischen Ehre und des nationalen Vertrauens auf dieselbe vermieden werden könne.“

Heinrich Abeken, der Absender der originalen Emser Depesche
Heinrich Abeken, der Absender der eigentlichen Emser Depesche
Foto: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Von der Emser Depesche zur Pressemitteilung

Für uns heute fast unvorstellbar ist, was nun passiert: Bismarck verändert die Depesche Abekens. Er tut dies gar nicht einmal stark, doch sehr effektiv. Das allerdings ist nicht der Grund zur Verwunderung. Unvorstellbar und erschreckend ist die Reaktion von Roon und Moltke, die, wie wir lasen, eher trübsinniger Laune waren.
Doch lassen wir wieder Bismarck selbst erzählen:

„In dieser Ueberzeugung machte ich von der mir durch Abeken übermittelten königlichen Erlaubniß Gebrauch, den Inhalt des Telegramms ganz oder theilweis zu veröffentlichen, reducirte in Gegenwart meiner beiden Tischgäste das Telegramm durch Streichungen, ohne ein Wort hinzuzusetzen oder zu ändern, auf die nachstende Fassung:
»Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des Erbprinzen von Hohenzollern der kaiserlich französischen Regierung von der königlich spanischen amtlich mitgetheilt worden sind, hat der französische Botschafter in Ems an Seine Majestät den König noch die Forderung gestellt, ihn zu autorisiren, daß er nach Paris telegraphire, daß Seine Majestät der König sich verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Candidatur wieder zurückkommen sollten. Seine Majestät der König hat es darauf abgelehnt, den französischen Botschafter nochmals zu empfangen, und demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, daß Seine Majestät dem Botschafter nichts weiter mitzutheilen habe.«
Der Unterschied in der Wirkung des gekürzten Textes der Emser Depesche im Vergleich mit der, welche das Original hervorgerufen[347] hätte wenn es bekannt wurde, war kein Ergebniß stärkerer Worte, sondern der Form, welche die Kundgebung als eine abschließende erscheinen ließ, während die Redaction Abekens nur als ein Bruchstück einer schwebenden und in Berlin fortzusetzenden Verhandlung erschienen sein würde.
Nachdem ich meinen beiden Gästen die concentrirte Redaction vorgelesen hatte, bemerkte Moltke: »So hat das einen andern Klang, vorher klang es wie Chamade, jetzt wie eine Fanfare in Antwort auf eine Herausforderung.« Ich erläuterte: »Wenn ich diesen Text, welcher keine Aenderungen und keinen Zusatz des Telegramms enthält, sofort nicht nur an die Zeitungen, sondern auch telegraphisch an alle unsre Gesandtschaften mittheile, so wird er vor Mitternacht in Paris bekannt sein und dort nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch wegen der Art der Verbreitung den Eindruck des rothen Tuches auf den gallischen Stier machen. Schlagen müssen wir, wenn wir nicht die Rolle des Geschlagenen ohne Kampf auf uns nehmen wollen. Der Erfolg hängt aber doch wesentlich von den Eindrücken bei uns und Andern ab, welche der Ursprung des Krieges hervorruft; es ist wichtig, daß wir die Angegriffenen seien, und die gallische Ueberhebung und Reizbarkeit wird uns dazu machen, wenn wir mit europäischer Oeffentlichkeit, so weit es uns ohne das Sprachrohr des Reichstags möglich ist, verkünden, daß wir den öffentlichen Drohungen Frankreichs furchtlos entgegentreten.«

Diese meine Auseinandersetzung erzeugte bei den beiden Generalen einen Umschlag zu freudiger Stimmung, dessen Lebhaftigkeit mich überraschte. Sie hatten plötzlich Lust zu essen und zu trinken wiedergefunden und sprachen in heiterer Laune. Roon sagte: »Der alte Gott lebt noch und wird uns nicht in Schande verkommen lassen.« Moltke trat so weit aus seiner gleichmüthigen Passivität heraus, daß er sich, mit freundigem Blick gegen die Zimmerdecke und mit Verzicht auf seine sonstige Gemessenheit in Worten, mit der Hand vor die Brust schlug und sagte: »Wenn ich das noch erlebe, in solchem Kriege unsre Heere zu führen, so mag gleich nachher ›die alte Carcasse‹ der Teufel holen.«“[3]

Der Gedanke an Krieg löst Freude aus – man mag es kaum fassen und aus heutiger Sicht ist es wohl nicht mehr nachvollziehbar.

Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches (18. Januar 1871), sozusagen der Ausgang der Emser Depesche - Ölgemälde von Anton von Werner, 1885
Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches (18. Januar 1871), Ölgemälde von Anton von Werner, 1885
Bild: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Eine Pressemitteilung und der Deutsch-Französische Krieg

Die französische Nachrichtenagentur hat die Bismarcksche Pressemitteilung selbstredend sofort aufgegriffen und übersetzt. Fast genauso selbstredend hat sie bei der Übersetzung offenbar „Färbungen“ vorgenommen. Genau das hatte Bismarck ja auch schon getan, als er die Depesche Abekens in eine Pressemitteilung umschrieb.
Letztlich war all das kalkuliert, es war die Psychologie der Diplomatie. Jeder wusste schließlich wie der andere tickt und wie Geschehnisse und Worte interpretiert, umgedeutet und auch umformuliert werden würden.
Es kam also, wie es kalkuliert war: die französische Öffentlichkeit war empört, die Weichen endgültig nun auch auf französischer Seite auf Krieg gestellt.
Dabei, das sollte man erwähnen, war die “Emser Depesche” Bismarcks eigentlich weniger für die französische Seite gedacht, als mehr für die süddeutschen Staaten Bayern und Württemberg. Mit denen nämlich hatte Preußen, bzw. der Norddeutsche Bund 1867 ein Defensivbündnis geschlossen und die Depesche war dazu gedacht Frankreich als Aggressor darzustellen, damit diese beiden Länder sich auf die Seite Preußens schlugen. Auch dieses Kalkül ging auf, denn sowohl Bayern als auch Württemberg traten auf preußischer Seite in den Krieg gegen Frankreich ein.
Am 14. Juli gingen in Paris Tausende auf die Straßen und skandierten „Nieder mit Preußen“ oder „Nach Berlin“.
Am 15. Juli bewilligte das französische Parlament die Aufnahme von Krediten für einen Krieg gegen Preußen bzw. Deutschland. [Hier müssen wir mit unserer Formulierung vorsichtig sein, denn wie man zuvor schon gesehen hat: Deutschland gab es noch nicht! Es gab nur ein loses Staatenbündnis.]
Am 19. Juli 1870 erklärte Frankreich Preußen mit diesen Worten den Krieg:

„Die Regierung Sr. Majestät des Kaisers der Franzosen indem sie den Plan, einen preußischen Prinzen auf den Thron von Spanien zu erheben, nur als ein gegen die territoriale Sicherheit Frankreichs gerichtetes Unternehmen betrachten kann, hat sich in die Notwendigkeit versetzt gefunden, von Sr. Majestät dem Könige von Preußen die Versicherung zu verlangen, daß eine solche Kombination sich nicht mit seiner Zustimmung verwirklichen könnte. Infolgedessen hat die französische Regierung die Verpflichtung zu haben geglaubt, unverzüglich für die Verteidigung ihrer Ehre und ihrer verletzten Interessen zu sorgen. Sie betrachtet sich von jetzt an als im Kriegszustande mit Preußen.“

Am 2. August 1870 begannen die Kampfhandlungen.

Der Ausgang ist bekannt und ist nicht nur auf dem Schlachtfeld zu suchen, sondern vor allem auf dem Feld der Politik:

Am 10. Dezember 1870 stimmte der Reichstag für die Einführung des Titels „Kaiser“ anstelle von „Präsidium des Bundes“ in der neuen Verfassung.
Am 1. Januar 1871 trat die neue Verfassung in Kraft, die den Deutschen Bund letztlich zum Deutschen Reich werden ließ.
Am 18. Januar wurde König Wilhelm von Preußen im Spiegelsaal von Versailles zum deutschen Kaiser Wilhelm I. proklamiert.
Am 23. Januar nahm die französische Regierung Waffenstillstandsverhandlungen mit Bismarck auf.
Am 28. Januar trat ein zunächst befristeter Waffenstillstand in Kraft.
Am 8. Februar fanden in Frankreich Neuwahlen statt, die die Befürworter eines Friedens gewannen.
Am 26. Februar wurde ein Vorfriede geschlossen.
Am 10. Mai 1871 erfolgte der endgültige Friedensschluss in Frankfurt am Main.

Bismarck hatte sein Ziel erreicht: Deutschland war unter der Führung der Hohenzollern geeint worden und der preußische König Wilhelm war zu Kaiser Wilhelm I. geworden.
Der Preis dafür war ein Krieg mit ca. 190.000 Toten und mehr als 230.000 Verwundeten. Auf französischer Seite kam die Abtretung weiter Teile von Lothringen und des Elsaß hinzu, die zum Reichsland Elsaß-Lothringen zusammengeschlossen wurden.


[1] Vincent Benedetti: Ma Mission en Prusse, Paris 1871, S. 372.
[2] Übersetzung nach Wikipedia: Emser Depesche.
[3] Bismarck über die Situation rund um den Eingang der Emser Depesche, in: Otto von Bismarck: Gedanken und Erinnerungen, Stuttgart 1959, S. 350f.

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