Bad Cleve Blick auf die Stadt - historische Ansichtskarte
Vergessene Kurorte

Bad Cleve: Heilwasser, Kahnfahrten und ziemlich viel Vergnügen

Vergessene Kurorte

Wer heute an deutsche Kurorte denkt, dem fallen Baden-Baden, Bad Ems, Wiesbaden oder Bad Pyrmont ein. Kleve vermutlich eher nicht. Dabei gehörte die Stadt am Niederrhein über lange Zeit durchaus zur europäischen Bäderlandschaft. Im 18. Jahrhundert lockte der Klever Gesundbrunnen vor allem Gäste aus den benachbarten Niederlanden an, im 19. Jahrhundert erlebte der Ort als Bad Cleve eine zweite Blüte. Heute ist diese Vergangenheit weitgehend aus dem allgemeinen Bewusstsein verschwunden.
Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf solche vergessenen Kurorte: Sie zeigen, wie dicht das Netz der Bade- und Gesundbrunnenorte einst war – und dass eine erfolgreiche Kurstadt nicht unbedingt Jahrhunderte lang „Bad“ heißen musste.
Kleve ist dafür ein besonders schönes Beispiel.

Bad Cleve - Amphitheater Partie am Tiergarten
Bad Cleve – Amphitheater Partie am Tiergarten – historische Ansichtskarte

1756 hatte Johann Heinrich Schütte ein Problem.
Der Klever Arzt hatte sich seit Jahren um den Gesundbrunnen der Stadt bemüht. Das Wasser war untersucht, der Kurbetrieb aufgebaut und Kleve bei auswärtigen Gästen bekannt gemacht worden. Vor allem Besucher:innen aus den benachbarten Niederlanden kamen an den Niederrhein.

Und was taten nun einige Menschen am Klever Gesundbrunnen?

Sie tranken Pyrmonter Wasser, Wasser aus Spa und Selterwasser!

Fremdes Wasser! Am Clever Gesundbrunnen!

Das konnte Schütte nicht gefallen. Noch schlimmer aber war die Außenwirkung.
Was, so fürchtete er, sollten niederländische Gäste denken, wenn selbst die Einheimischen offenbar fremdes Mineralwasser bevorzugten?
Warum sollte man eigens nach Kleve reisen und dort sein Geld ausgeben, wenn man das begehrte Wasser genauso gut zu Hause trinken konnte?

Also beantragte Schütte kurzerhand, den Ausschank fremder Mineralwässer am Klever Gesundbrunnen zu verbieten.

Die zuständige Regierung lehnte ab.

Und ihre Begründung verrät uns ziemlich viel darüber, was einen erfolgreichen Kurort schon im 18. Jahrhundert ausmachte: Viele Fremde kämen schließlich ohnehin nur wegen ihres Vergnügens, der schönen Gegend und der gesunden Luft nach Kleve. Niemand könne gezwungen werden, deshalb auch noch den Klever Gesundbrunnen zu benutzen.

Mit anderen Worten: Das Wasser war wichtig. Aber Kleve hatte längst noch etwas anderes zu verkaufen.


Erst kam die Landschaft, dann kam die Kur

Dass ausgerechnet Kleve zum Kurort werden konnte, war kein Zufall.
Fast ein Jahrhundert vor dem Gesundbrunnen hatte Johann Moritz von Nassau-Siegen begonnen, die Landschaft vor der Stadt neu zu gestalten. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts entstanden Alleen, Sichtachsen, Wasseranlagen, Tiergarten, Amphitheater und Aussichtspunkte. Natur und Kunst sollten sich miteinander verbinden.
Dabei entstand kein Kurpark. Von einer Kur war damals schließlich noch gar keine Rede.
Es entstand aber etwas, das sich später als ausgesprochen nützlich erweisen sollte: eine Landschaft, die man sehen wollte.

Niederländische Reisende kamen schon vor der Erschließung des Gesundbrunnens nach Kleve. Die Garten- und Landschaftsanlagen wurden beschrieben, gezeichnet und gerühmt. Kleve war also bereits Reiseziel, bevor jemand begann, Mineralwasser an Gäste auszuschenken. Genau darin liegt ein wichtiger Schlüssel für den späteren Erfolg des Badeortes:
Aus einer Residenzlandschaft war eine Reiselandschaft geworden.

Nun musste daraus nur noch eine Kurlandschaft werden.


Ein Gesundbrunnen mit mehreren Entdeckern

1741 rückte eine eisenhaltige Quelle am Springenberg in den Mittelpunkt des Interesses.
Wer sie eigentlich „entdeckte“, ist allerdings komplizierter, als ältere Kurortgeschichten gern behaupten.

Johannes Blanckenhorn erklärte, er habe die Quelle im Juni 1741 gefunden und untersucht. Ein Bericht der klevischen Verwaltung erzählt dagegen von Werkskundigen, denen wegen der Bodenfärbung die mineralische Beschaffenheit des Wassers aufgefallen sei; Johann Heinrich Schütte habe anschließend Untersuchungen vorgenommen. Schütte wiederum schilderte später eine eigene Vorgeschichte seines Wissens um die Quelle.

Für die Geschichte Bad Cleves ist dieser kleine Prioritätenstreit eigentlich gar nicht das Entscheidende.
Viel spannender ist, was danach geschah:
Denn Schütte dachte erstaunlich modern.

Schon 1741 entwarf er praktisch ein kleines Entwicklungskonzept für den neuen Gesundbrunnen: Die Quelle musste ordentlich gefasst werden, die Gäste brauchten Unterkunft und Komfort, vorhandene Alleen und Anlagen sollten genutzt werden, die medizinische Anwendung musste kontrolliert werden – und natürlich brauchte das Ganze Werbung.
Ausdrücklich dachte Schütte dabei an die niederländischen Gäste. Informationen sollten auch in einer Sprache verbreitet werden, die sie verstanden.

Wasser, Infrastruktur, medizinische Betreuung, Landschaft und Marketing.
Das Geschäftsmodell Bad Cleves war im Grunde fertig.


Morgens Heilwasser, nachmittags Schokolade

Wie das Leben am Klever Gesundbrunnen tatsächlich aussah, erfahren wir besonders anschaulich aus der 1752 in Amsterdam erschienenen „Kleefsche Waterlust“.

Schon der Titel ist wunderbar: Das Buch verspricht eine Beschreibung der angenehmen Vergnügungen an den Wassern zu Kleve und richtet sich ausdrücklich sowohl an diejenigen, die die schöne Landschaft und ihre Sehenswürdigkeiten sehen, als auch an Menschen, die das Mineralwasser gebrauchen wollten.

Mehr Kurort geht kaum!

Das Buch lässt uns einer Brunnengesellschaft praktisch über die Schulter schauen. Morgens ging es zur Quelle. Dort wurde Wasser ausgeschenkt, die Gesellschaft sammelte sich, Musik gehörte zum Kurleben und die Fontänen bildeten die Kulisse. Danach konnte man Bekannte treffen, gemeinsam essen und trinken, spazieren gehen oder sich anderen angenehmen Beschäftigungen widmen. Wein, Tee, Kaffee, Tabak und Schokolade tauchen immer wieder auf.
Am Nachmittag saßen Gäste etwa im Amphitheater, tranken ein Glas Wein oder eine Tasse Tee oder Kaffee und rauchten ihre Pfeife. Der Blick über Landschaft, Brunnenhaus und wandelnde Kurgäste gehörte ausdrücklich zum Vergnügen.

Gesundheit war also durchaus ein Thema.
Man musste es nur nicht unnötig freudlos betreiben.


Eine Kahnfahrt gehört selbstverständlich zur Therapie

Besonders schön wird es bei einem Ausflug auf dem Kermisdahl:
Dr. Schütte, seine Frau und sein Sohn steigen gemeinsam mit weiteren Gästen in eine überdeckte Schuit und unternehmen eine „Water-Promenade“.
Vom Boot aus sieht die Gesellschaft Schloss und Gärten, Felder und Weiden, Bleichen und Ziegelöfen. Man fährt am Freudenberg vorbei, rudert wieder an der Stadt entlang, passiert die Brücke und gelangt schließlich zur Schleuse.
Dort steigt man aus und erholt sich.
Selbstverständlich nicht ohne Proviant.
Die Gesellschaft singt, genießt die Landschaft und hört Verse des niederländischen Dichters Pieter Langendyk über Kleve.

Man kann sich über medizinische Vorstellungen des 18. Jahrhunderts streiten.
Aber eine Kur, zu der Kahnfahren, Landschaft, Wein, Tee und Gedichte gehören, besitzt eindeutig gewisse Vorzüge.

Und die Gäste kamen.

Für die Mitte des Jahrhunderts zeigen die erhaltenen Brunnengästelisten einen deutlichen Anstieg der registrierten Kurgäste. 1751 wurden 352 Personen erfasst, darunter allein 80 aus Amsterdam. Für 1752 sind 357 namentlich gelistete Brunnengäste überliefert; insgesamt sollen sich in diesem Jahr sogar ungefähr 600 Fremde am Brunnen aufgehalten haben. Nicht alle kamen zur eigentlichen Kur. Manche suchten ausdrücklich das Vergnügen.

die schönsten Mädchen gibt's in Bad Cleve
die schönsten Mädchen gibt’s in Bad Cleve – historische Ansichtskarte

Das Wasser verschwindet – der Kurort kommt zurück

Die erste große Zeit des Klever Gesundbrunnens dauerte allerdings nicht lange.
Kriege, ausbleibende niederländische Gäste, mangelnde Pflege der Anlagen und die Konkurrenz anderer Gesundbrunnen setzten dem Badebetrieb zu. 1794 wurden Brunnen und Tiergartenanlagen schwer verwüstet. Bleirohre wurden herausgerissen, Dächer beschädigt und Teile der Anlagen zerstört.

Erst im 19. Jahrhundert begann eine neue Phase.

1846 und 1847 wurden Mineralquelle und Trinkhalle wiederhergestellt; daneben entstand das Friedrich-Wilhelms-Bad. Später kamen weitere Kureinrichtungen, Hotels und Pensionen hinzu.
Nun entwickelte sich jenes Bad Cleve, das im späteren 19. Jahrhundert wieder zahlreiche Erholungs- und Kurgäste anzog.

Doch gerade diese zweite Geschichte verdient eigentlich einen eigenen Beitrag.
Denn die vielleicht schönste Pointe der ersten Klever Kurgeschichte hatte die preußische Verwaltung schon 1756 formuliert.

Man konnte wegen des Gesundbrunnens nach Kleve kommen.
Man musste ihn aber nicht benutzen.
Schließlich gab es noch die schöne Landschaft, die gute Luft und das Vergnügen.

Und manchmal ist genau das das Erfolgsrezept eines Kurortes.


Quellen und Literatur:

  • Kleefsche Waterlust, ofte Beschryving van de lieflyke Vermaekelykheden aen de Wateren te Kleef, Amsterdam 1752
  • Johann Heinrich Schütte: Beschreibung des Clevischen Gesundbrunnens, Kleve 1742
  • Amusemens des Eaux de Cleve, oder Vergnügungen und Ergötzlichkeiten bey denen Wassern zu Cleve, Lemgo 1748
  • Karl Sudhoff-Hochdahl: „Heilquellen und Bäder in Jülich-Kleve-Berg u. nächster Nachbarschaft“, in: Historische Studien und Skizzen zu Naturwissenschaft, Industrie und Medizin am Niederrhein, Düsseldorf 1898, S. 120 ff.

Dr. Anja Kircher-Kannemann ist Historikerin, Kuratorin und Autorin und verbindet historische Forschung mit kuratorischer Praxis und digitaler sowie analoger Geschichtsvermittlung.

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