Bad-Bekleidung 1788 - Robe à Gorge Angloise
"Große Welt" im Bad

Ein Brunnenarzt und die passende Bad-Bekleidung?

Sollten sie denken, dass Frauen erst heute ein Problem haben, wenn sie vor dem Kleiderschrank stehen, dann irren Sie. Die Probleme mit der Auswahl der richtigen Kleidung sind wahrscheinlich ungefähr so alt wie die Kleidung selbst. Oder zumindest so alt wie die Erfindung unterschiedlicher Outfits für unterschiedliche Events. Da macht auch die Bad-Bekleidung keine Ausnahme.

Schon im Journal des Luxus und der Moden aus dem 18. Jahrhundert wurden die Fragen der richtigen und angemessenen Kleidung heftig diskutiert. Da konnte es natürlich nicht ausbleiben, dass auch die Kleidung „im Bade“ diskutiert wurde. Das sollten Sie nun aber nicht missverstehen, denn damit ist nicht etwa der passende Badeanzug gemeint, sondern vielmehr die Kleidung, die die Damen bei einem Aufenthalt in einem Bade- bzw. Kurort wählen sollten.

Der Vorschlag für eine passende Bad-Bekleidung für Damen, der im Folgenden zitiert sei, stammt übrigens von einem Badearzt, genauer gesagt vom Brunnenarzt Conrad Anton Zwierlein (1755-1825) aus Brückenau. Bad Brückenau liegt im unterfränkischen Landkreis Bad Kissingen. Der Badebetrieb wurde hier bereits im Jahr 1747 aufgenommen. Als also Zwierlein seine Empfehlungen im Juli 1788 zur Kenntnis gab, da hatte man bereits 40 Jahre Erfahrung im Ort mit Badbekleidung und die offenbar mit oftmals ungeeigneter Kleidung.

Aber schauen wir mal, was der Badearzt so zur Kleidung zu sagen hat:

Der “Vorschlag zu einer allgemeinen Baad-Uniforme für Damen”

“Von jeher war es die Klage der Brunnenärzte, daß die Damen zu viel Putz und Kleiderpracht mit in die Bäder bringen, daß sie die längste Zeit des Morgens an der Toilette vertändeln, zu welcher Zeit doch die Bewegung so heilsam ist, und daß sie in ihrem steifen Putze auch den übrigen Tag hindurch ihne anhaltende Bewegung, und meistens mit den Karten oder dem Strickzeuge in der Hand auf ihren Stühlen wie angenagelt sitzen bleiben. Tägliche und zwar anhaltende und leichte Bewegung im Freyen ist bei einer Brunnenkur die erste Bedingniß, ohne welche der Endzweck nicht erreicht wird. Nicht nur geht durch das lange Ankleiden die kostbare Morgenzeit größtentheils verloren, sondern auch den übrigen Tag hindurch kann wegen des Einschnürens keine anhaltende leichte Bewegung statt haben; die Damen werden im Spazierengehen sogleich zu sehr ermüdet; auch das unter manchen Umständen nützliche Tanzen wird im vollen Putze beschwerlich und nachtheilig, weil der mit Kleidungen beschwerte und eingepreßte Körper, keine freyen Bewegungen mehr macht, bis zum Schweiße erhitzt und ermüdet wird.
Dieser wichtige Hauptpunkt allein sollte schon hinreichend seyn, die Damen zur Abschafung des Kleiderprachts in Bädern zu verleiten, wenn man auch nicht die Beschwerlichkeit des vielen und großen Gepäcks auf einer weiten Reise und die oft beträchtlichen Kosten, die manche putzergebene Frau ihrem Manne bey bevorstehender Kurzeit durch Anschaffung neuer Kleider zu verursachen pflegt, mit in Anschlag bringen wollte.
Allein wie werden die Damen von ihrem ersten Lieblingshange, sich zu putzen, der schon von Mutter Eva an existirt, abzuhalten seyn? – Das Bitten, Rathen und Predigen der Brunnenärzte dagegen fruchtet schlechterdings nichts.
Am leichtesten wäre vielleicht durch eine Aenderung in diesem Punkte zum Zwecke zu kommen, wenn nemlich die Damen eine Baad-Uniforme allgemein einführten. Ich fodere daher die Damen Teutschlands auf, Vorschläge zu einer solchen Uniforme zu geben, und ihre Meinungen oder zeichnungen an die Herausgeber dieses Journals gefälligst zu senden, um solche dann in diesem Journale bekannt zu machen. Die Zeichnung, so allgemeinen Beyfall erhält, wird als Baad-Uniform bekannt gemacht werden. Es haben sich wirklich schon mehrere Damen erboten, ihre Zeichnungen und Beschreibungen einzuschicken.
Die Haupteigenschaften einer solchen Kleidung wären folgende:
1. Sie muß leicht und bequem zu tragen seyn, um ohne alle Mühe darin gehen, tanzen, fahren und reiten zu können.
2. Sie darf nicht viel Zeit zum Anziehen erfordern.
3. Muß sie den Körper zieren und dessen Reitze erhöhen.
Das übrige sey ganz und gar dem schöpferischen Erfindungsgeist der schönen Welt überlassen.
Um der Uniforme mehr Mannichfaltigkeit zu geben, und damit das Ding doch französisch klingt, welches den französisirten Damenohren so wohl behagt, könnte die Uniforme nach Verschiedenheit der Bäder, in die man reisen will, verschiedene kleine Abänderungen haben, und darnach den Namen führen, z.B. à la Spaa, à la Carlsbad, à la Bruckenau, à la Pyrmont u. s. w. eben so wie die Uniformen verschiedener Regimenter durch verschiedene Farben der Aufschläge und Kragen von einander unterschieden sind.
Wie stolz würden die Pariser Putzmacherinnen, die der ganzen Modewelt ihre Erfindungen als Gesetze vorzuschreiben pflegen, auf die Erfindung einer Baad-Uniforme seyn! Und eben dies wird die Damen Teutschlands aufmuntern, diese wichtige neue Kleidung bald zu Stande zu bringen, um den Pariserinnen zu zeigen, daß der Genie de Toilette auch bey den Schönen Teutschlands in Erfindungen nicht minder fruchtbar sey.
Dr. Z** in Br***
[1]


Das Korsett und das Problem mit der Bad-Bekleidung

Die eng geschnürten Korsetts waren also einer der Hauptkritikpunkte des Badearztes. Er hat das Ende der Korsetts übrigens nicht mehr erlebt, das kam erst viel viel später in der Zeit des Jugendstils und als die Suffragetten auf die Straße gingen, da wurde auch das Korsett offen als Last benannt. Aber erst nach dem ersten Weltkrieg, also nach 1918 setzte sich das Ende des Korsetts in der Damenmode wirklich durch.

Bad-Bekleidung
Dame in einem dekorierten Negligee mit einem Caraco-Corselet - Journal des Luxus und der Moden, Juni 1788, S. 290.
Dame in einem dekorierten Negligee mit einem Caraco-Corselet – Journal des Luxus und der Moden, Juni 1788, S. 290.

Übrigens hatten die Damen wohl auch schon selbst erkannt, dass die modische Bekleidung, die sonst alltäglich trugen für das Kurbad nicht besonders geeignet war. Diese Eindruck bekommt man zumindest, wenn man den Kommentar des Herausgebers des Journals des Luxus und der Moden zu Dr. Zwierleins Vorschlag liest. Hier steht nämlich:

„Gegenwärtiger, uns von einem Manne von Verdienste zur Bekanntmachung eingeschickte Vorschlag hat seinen Werth. Eine allgemeine, elegante, bequeme, jedoch nicht kostbare (denn alle drey Qualitäten lassen sich recht wohl zusammen vereinen) Baad-Uniforme für Damen, würde, wenn sie würklich als ein dauerndes Costume eingeführt werden könnte, von großer Bequemlichkeit, und wesentlichern Nutzen seyn, als die vor ein Paar Jahren von einem Ungenannten projectirte teutsche Nationaltracht. Daß die Damen schon da das bedürfniß und die Bequemlichkeit einer allgemeinen Baad-Uniforme, die dann alle übrige sonst unvermeidliche Kleider-Variationen überflüssig machen würde, fülen, beweißt uns dieß, daß man in Aachen, Pyrmont, Wißbaden, Schlangenbad, Carlsbad, Brückenau etc. adliche Damen häuffig ihre Hofuniformen tragen sieht. So sehr wir indessen alle Schwierigkeiten fühlen, welche bey Bestimmung einer allgemeinen Baad-Uniforme vorkommen werden und müssen, wollen wir indessen doch gern dafür thun, so viel wir können, und unser Journal der schönen Welt zu ihren Deliberationen über diesen Gegenstand mit Vergnügen wiedmen. Wir erwarten also was uns weiter darüber eingesandt werden wird.“[2]

Wenn es Sie interessiert, was aus der Idee des Dr. Zwierlein bzgl. der Bad-Bekleidung geworden ist, dann lesen Sie doch einfach mal hier an dieser Stelle weiter.


[1] Journal des Luxus und der Moden, Juni 1788, S. 269-273.
[2] Kommentar des Herausgebers, S. 269-270.

Beitragsbild:
Bad-Bekleidung 1788 – so sah in diesem Jahr die herrschende Damenmode aus. Dies hier ist übrigens eine Robe à Gorge Angloise Kein Wunder also, dass Dr. Zierlein andere Bekleidung vorschlug.
Bild aus: Journal des Luxus und der Moden, Juni 1788, S. 290.