Elise von Hohenhausen
Bäderreise-Geschichte(n)

„In Bädern soll man sich hüten …“ Elise von Hohenhausen

Über Frauen und lästige Gäste in Kurbädern

Elise von Hohenhausen oder eigentlich korrekt Elise Friederike Felicitas Freiin von Hohenhausen wurde am 7. März des Jahres 1812 in Eschwege geboren. Als Tochter eines preußischen Beamten wuchs sie in durchaus gehobenen Kreisen auf und wurde – so war es Usus in der höheren Gesellschaft – schon mit 19 Jahren mit Karl Ferdinand Rüdiger verheiratet. Auch er war ein preußischer Beamter – man blieb halt gerne unter sich in diesen Kreisen.

Schon ihre Mutter: Elise von Hohenhausen (1789-1857), hatte einen Salon in Berlin und später in Minden geführt und war schriftstellerisch tätig. Wirklich ungewöhnlich war das nicht für die Frauen aus guter Gesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts. Rahel Varnhagen von Ense schritt hier quasi allen voran und galt in dieser Hinsicht sicher nicht wenigen als Vorbild.

Zwar war Münster, wohin Elise von Hohenhausen nach ihrer Hochzeit erst einmal zog, nicht Berlin, aber auch hier konnte man einen Salon oder doch zumindest einen literarischen Zirkel begründen. Dies umso einfacher, weil Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848), eine der bekanntesten Schriftstellerinnen und Musikerinnen der damaligen Zeit sich auch im Münsterschen aufhielt.

Annette von Droste-Hülshoff war eine enge Freundin von Elise von Hohenhausen
Annette von Droste-Hülshoff war eine enge Freundin von Elise von Hohenhausen
Bild: Friedrich Hundt [Public domain] via Wikimedia Commons

Erfahrungen in der Welt der Schriftsteller und Denker ihrer Zeit, sowie in der Politik hatte Elise von Hohenhausen bereits früh gemacht. Nicht nur, dass sie sicher über ihre Eltern bereits jung zahlreiche wichtige Menschen kennenlernte, sie arbeitete auch am Mindener Sonntagsblatt redaktionell mit, das ihr Vater mitbegründet hatte.

Auch Elise von Hohenhausens Mann – Karl Ferdinand Rüdiger – war ein in dieser Hinsicht rühriger Mann. Nach der Revolution von 1848 wurde er in die Preußische Nationalversammlung gewählt und begründete die Kreuzzeitung mit während Elise von Hohenhausen 1852 gemeinsam mit ihrer Mutter nach Paris reist, um dort Heinrich Heine zu treffen.

1862 wurde sie Witwe und als für damalige Verhältnisse emanzipierte Frau nahm sie wieder ihren Geburtsnamen: Elise von Hohenhausen an und zog von Frankfurt an der Oder zurück nach Berlin. Hier begründete sie einen neuen literarischen Salon und begann Bücher zu schreiben. Zu ihren Gästen im Salon zählten Georg von Preußen ebenso wie Leopold von Ranke, Wilhelm Jordan oder Emily Ruete. Diese Tätigkeiten führte sie aus bis sie am 31. Januar 1899 in Berlin verstarb.

Kurhaus Bad Homburg
Kurhaus von Bad Homburg – Gartenseite um 1900 historische Postkarte

Elise von Hohenhausen und das Badeleben

Bäderreisen zählten im 19. Jahrhundert zum guten Ton. Wer auf sich hielt und zur Gesellschaft gehören wollte, der verbrachte den Sommer im Bad, in Bad Ems zum Beispiel oder auch in Bad Kissingen oder Bad Homburg. Es war weniger darum zu tun hier tatsächlich zu kuren, das war höchstens eine Art von angenehmem Nebeneffekt, vielmehr ging es darum sich zu zeigen, zu sehen und gesehen zu werden.

Aber die Bäderreisen brachten auch so ihre Fallstricke mit sich. Der gute Ton und das gute Benehmen konnten schnell dahin gehen, denn vor allem verbrachte man die Zeit gerne mit Klatsch und Tratsch – Zeit genug hatte man ja. Da war schnell jede noch so harmlose Bemerkung ein Anlass ein Gerede zu kommen.

Kein Wunder also, dass Elise von Hohenhausen in ihrem „Brevier der guten Gesellschaft“ auch das richtige Verhalten während eines Kuraufenthaltes in den Blick nahm und vor allem den Damen der guten Gesellschaft gute Ratschläge erteilte, wie sie sich verhalten sollten.

Bad Nauheim Badehaus VII und großer Sprudel
Bad Nauheim Badehaus VII mit großem Sprudel – historische Postkarte

Elise von Hohenhausen „Brevier der guten Gesellschaft“

„Das Badeleben gewährt ebenfalls mehr Freiheiten als die Geselligkeit eines Winters in der Stadt. Namentlich macht man viel schneller Bekanntschaften, oft genügt schon eine öftere Begegnung am Brunnen oder die wiederkehrende Nachbarschaft an der Wirthstafel (table d’hôtel). Gemeinschaftliche Partien in der Umgegend und das tägliche Zusammentreffen auf der Promenade thun schon ein Uebriges.
Indessen bleibt große Vorsicht im Bade sehr rathsam. Zu leicht wird man durch ein glattes bestechendes Äußere getäuscht und selten erfährt man Zuverlässiges über die meist unbekannte, aus allen Weltgegenden in die Bäder strömende Gesellschaft, die zum Theil sich nur in der Absicht eingestellt hat, in die gute Gesellschaft einzudringen, und welche dieser Klasse daheim vielleicht verschlossen ist. Auch fehlt es nirgends an Hochstaplern, Abenteurern und Damen zweifelhaften Rufes, deren schlimmen Anschlägen oft eine Anzahl Gäste zum Opfer fällt. Zuweilen irrt man sich aber auch in entgegengesetzter Richtung und öffnet zu bereitwillig Verleumdungen das Ohr, die im Badeleben nicht weniger und gewiß gleich beirrend umherschwirren als in der Stadt. Gerade harmlose Menschen werden so leicht davon betroffen und nicht selten unschuldig verurtheilt.
So gab einst eine vornehme Familienmutter einem jungen Herrn ihre volle Börse, um die Zeche für sie und ihre Töchter zu bezahlen, was durchaus nichts Unpassendes an sich hat. Gleich nachher erdreistete sich Jemand, der nur den Herrn am Zahltisch gesehen und den empfangenen Auftrag nicht gehört hatte, zu erzählen: die Dame und ihre Töchter ließen sich von fremden jungen Männern freihalten!
Es ist niemals guter Ton, wenn Damen sich von Herren bewirthen lassen, sie dürfen dies nur von nahen Verwandten oder alten Freunden annehmen. In Bädern geräth man schneller in der Leute Mund als daheim, wo man gekannt und geachtet ist; man muß deshalb doppelte Vorsicht üben, namentlich hinsichtlich des Benehmens und der Redeweise; besonders dürfen Damen nichts Auffallendes thun und sprechen. Sie mögen immerhin mit einem bekannten Herrn bei der Brunnenpromenade auf und ab gehen, aber nicht regelmäßig und alle Tage, auch dürfen sie keine weiten Spaziergänge allein mit einem Herrn unternehmen, sie sollten vielmehr stets noch andere Damen dazu auffordern, wenn sie nicht der Gesellschaft der Mutter oder einer Anverwandten sich erfreuen.
In Bädern soll man sich hüten, zu eilfertig Vorstellungen zwischen seinen verschiedenen Bekannten zu vermitteln, sondern muß stets erst anfragen, ob ihnen eine Vorstellung erwünscht ist. Wird eine solche von einem Freunde oder Bekannten abgelehnt, so suche man dies dem Andern in mildester Form anzudeuten, denn es liegt in solcher Zurückweisung allerdings immer eine Kränkung.
Hat man eine lästige Bekanntschaft gemacht, die man gern wieder abstreifen möchte, so thue man dies auch mit Vorsicht und Mäßigung, theils aus menschlicher Rücksicht, theils aus Klugheit. Jeder sollte so viel richtiges Gefühl hegen, um Niemanden zu kränken – Rahel Varnhagen konnte kein gekränktes Antlitz sehen. – Dies schließt aber keineswegs aus, daß man sich vorsichtig zurückziehen kann, wenn man triftige Gründe dazu hat.
Die Engländer besitzen für das Zurückziehen von ehemaligen Bekannten den Ausdruck »to cut« schneiden; und in der That, er ist richtig gewählt. Man verwundet jedesmal damit, vielleicht ebenso oft einen Unschuldigen und einen Unglücklichen als einen Unwürdigen! Dennoch ist es zuweilen nothwendig, solcher Mittel sich zu bedienen unverschämten oder taktlosen Menschen gegenüber. Man versuche erst den gelinderen Wink der „Verleugnung“, oder bemerke absichtlich die betroffene Person nicht. Achtet diese nicht darauf und verharrt sie in ihrer Zudringlichkeit, so breche man ein von ihr begonnenes Gespräch kurz, aber höflich ab und entferne sich unter passendem Vorwande. Hilft auch dieses nicht, so ziehe man sich ohne Entschuldigung zurück.
Badebekanntschaften gelten übrigens nirgends für dauerhaft und es wird fast als selbstverständlich angenommen, daß man sie unter Umständen nicht wieder anknüpft, falls man sich später unter anderen Verhältnissen begegnet. Dasselbe gilt von Reisebekanntschaften, wiewol bei solchen manchmal sehr dauerhafte Verbindungen geschlossen werden.“

Brevier der Guten Gesellschaft und der guten Erziehung – Gesetzbuch bei Uebung des guten Tones, der feinen Sitten, geselliger Talente und häuslicher Pflichten – Unter Benutzung der Rathschlage von Graf Philipp D. Stanhope von Chesterfield, des Freiherrn Adolf Friedr. Franz Ludwig von Knigge und Karl Fr. L. Felix von Rumohr, herausgegeben von Elise Freiin von Hohenhausen, Leipzig 1876

Beitragsbild:
Elise von Hohenhausen, Gemälde von
Johann Joseph Sprick [Public domain] via Wikimedia Commons